Grundlagenarbeit

Grundelemente des Schauspielens, Aktivierung szenischer Phantasie

Schauspielerische Vorübungen und Improvisation

Die Vorübungen sind notwendige Vorstufen für das Erlernen der Kunst des Improvisierens. Der Stil der Vorübungen ist, die Sinne reifender Persönlichkeiten zu schärfen für die heutige Spezifik ihres Berufes. Mit den Vorübungen werden bestimmte Fähigkeiten des Studenten profiliert, die in ihrer unausgebildeten Beschaffenheit nicht ausreichen. Es sind dies die Fähigkeiten, Menschen genau zu beobachten, sich auf unterschiedliche Prozesse gleichzeitig zu konzentrieren, reich und stets realitätsbezogen zu phantasieren, sich bestimmte Gegenstände konkret vorzustellen und sie als real vorhanden zu empfinden, sowie immer offen zu sein für den konkreten, eigenständig handelnden Partner.
Diese unterschiedlichen, im schauspielerischen Schaffungsprozess schliesslich organisch vereinten Fähigkeiten müssen zu Fertigkeiten ausgebildet werden.
Alles Interesse muss auf das genussvolle sinnliche Empfinden der in den Vorübungen entstehenden menschlichen Beziehungen gerichtet sein, auf den durch die Partnerrealität hervorgerufenen geistigen Impuls und dessen materiellen äusseren Ausdruck. Schon in diesen Vorübungen also wird der mögliche widersprüchliche Reichtum des ablaufenden und sich entwickelnden Beziehungsgeflechts zwischen Menschen erlebbar und schaubar, ein für das weitere Studium wie für die spätere Theaterpraxis grundsätzlicher Aspekt.

Beispiel für eine Übungsaufgabe: Spiel mit Requisiten – die Spielfantasie wird mobilisiert mit sinnlich-praktischem Handeln, ein Vorgang wird erfunden mit der Frage “Was?”, die Antwort löst das fiktive Handeln aus.

Beispiel: Eine Tasche liegt auf einer Parkbank. Was kann man mit diesem konkreten Gegenstand tun? Ein Spaziergänger kommt, bemerkt die Tasche, geht auf sie zu, schaut flüchtig um sich, ergreift die Tasche, setzt sich nieder und öffnet sie hastig. Er stöbert darin herum, findet nichts, stellt die Tasche enttäuscht auf die Bank zurück.

(Nach Gerhard Ebert, Lernen zu improvisieren)

Grundlagenarbeit

“Das Gefühl meldet sich ganz von selbst als Reaktion auf einen Vorgang, wenn die Gedanken konzentriert sind auf diesen Vorgang. Die übertrieben gemimten Leidenschaften, die übertrieben gemimten Typen, das mechanische Mimen sind Sünden derer, die gewohnt sind, auf der Bühne ‘Theater zu spielen’, ‘zu mimen’. Der wahre Schauspieler muss aber die Gestalten nicht von außen kopieren, nicht mechanisch mimen, sondern menschlich wahrhaftig handeln. Man kann nicht Leidenschaften und Gestalten spielen, sondern man muss unter dem Einfluss der Leidenschaften in der Gestalt handeln, wahrhaftig begründet und zweckmässig, wirklich handeln.

Die zweite Handlung entsteht als eine Folge der ersten. Und aus ihr die dritte, wenn wirklich und wahrhaftig gehandelt wird, zweckmässig und produktiv – wenn die Handlung auf der Bühne innerlich begründet, logisch, folgerichtig und in der Wirklichkeit möglich ist – nach den Gesetzen der lebendigen organischen Natur, als ein normaler Mensch, nicht als Gliederpuppe”.

(K. Stanislawski, Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst
im schöpferischen Prozess des Erlebens)

 

„Improvisation ist der eigentliche Schöpfungsakt des Schauspielers. Durch sinnlich-praktisches Handeln in einem System von Übungen wird Schritt für Schritt gelernt, auf der Bühne zu improvisieren. Mit wachsender Erfahrung wird der Spieler immer souveräner, entwickeln sich die spielerischen Fertigkeiten. Der Spieltrieb soll sich ausprobieren, sich bestätigt fühlen und Zutrauen zu sich selbst bekommen. Im spontanen Spiel wird bald eine Handlung entworfen und modelliert. Diese Fähigkeit zu modellieren muss ausgiebig geübt werden, weil sie die Grundlage aller späteren Darstellungen ist.“

(nach: Gerhard Ebert, ABC des Schauspielens)

 

Sinn des Grundlagenunterrichts

“Der Grundlagenunterricht kommt nicht als Religion oder als Dogma daher, sondern beschäftigt sich ausschließlich und neutral mit dem Wesen der Schauspielkunst. Hier lernen die Studierenden, mit bestimmten Begrifflichkeiten sowie dem grundsätzlichen schauspielerischen Handwerk umzugehen und beschäftigen sich mit der oben ausgeführten eigentlichen Aufgabe eines Schauspielers. Hier geht es erst einmal nicht darum, gerade aktuelle Spielweisen bedienen zu können oder die verschiedenen ästhetischen Positionen, die den Studierenden in ihrer Berufspraxis begegnen werden, kennenzulernen, sondern eben um die Auseinandersetzung mit der reinen Tätigkeit Schauspielen.

Auf der Grundlage dessen kann sich eine schauspielerische Persönlichkeit sinnvoll und den heutigen Anforderungen gemäß entwickeln. Denn nur dann erreicht sie das für die künstlerische Auseinandersetzung so wichtige Selbstbewusstsein, der auf sie zukommenden künstlerischen Vielfalt auf Augenhöhe zu begegnen und spielerisch damit umzugehen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, den Studierenden eine Unterrichtsstruktur anzubieten, die nicht beliebig zusammengestellt ist, sondern die sie Stück für Stück der Komplexität der Tätigkeit Schauspielen näherbringt.

Ein Schauspieler muss also, wie beispielsweise ein Tischlerlehrling auch, erst einmal sein Handwerk seriös erlernen. Dazu gehört es, sich sehr lange und immer wieder mit denselben Punkten zu beschäftigen. Bevor der Tischlerlehrling in der Lage ist, selbständig ein Möbelstück zu bauen, muss er wissen, wie er mit Holz, mit Hobel und Feile, mit Hammer und Dübel usw. umzugehen hat. Auch so ein simpler Vorgang wie das Nageleinschlagen braucht seine Zeit und muss geübt werden. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem das wie von selbst klappt. Und so wird mit jedem neu eerlernten Vorgang die Arbeit des Lehrlings professioneller, indem er sich Punkt für Punkt die grundlegenden Kenntnisse seines Handwerks erobert.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Ausbildung von Schauspielern. Im studium werden sie mit ihrem ganz eigenen Handwerkszeug ausgerüstet, das sie befähigt, auf der Bühne Geschichten zu erzählen und das menschliche Zusammenleben für die Zuschauer darzustellen und asinnlich schaubar machen zu können.”

aus: Margarete Schuler, Stefanie Harrer, Grundlagen der Schauspielkunst

 

Lehrer für Grundlagenarbeit:

Andreas Neckritz