Atemtechnik

Atemtechnik und Atmen als Steigerung der Empfindungsfähigkeit

Atemtechnik
Jeder weiß, dass die Stimme aus dem Atem hervorgeht. Für Schauspieler wird die Verbindung von Atem, Stimme und Bewegung konkret praktiziert.

Themen wie: Körperhaltung, Atemfunktion, vegetative und psychologische Seite des Atems, Bewegungen aus dem Atem sind Bestandteil des Unterrichts. In Atem- und Bewegungsübungen lernen die Schüler den Atem kommen zu lassen. Dieses „Lassen“ setzt sich in die Bewegung hinein fort, so dass alles Tun von den inneren Kräften des Atems ausgefüllt und getragen wird. Ziel ist es u.a. , die Ausdruckstiefe des Atems, seine Fähigkeit, einen Ton zu bilden und zu tragen mit der Leiblichkeit zu verknüpfen. Der tiefe Sinn der Sprache wird geweckt und spürbar lebendig.

Eine vom Atem getragene Haltung führt zu mehr Präsenz

Der Schauspieler Hans-Peter Hallwachs ist einer der berühmtesten Absolventen der Schauspielschule „Der Kreis“ in Berlin. In einem Interview, das in dem Buch „Alles Theater“ abgedruckt ist, erklärt er auf die Frage, was beim Schauspielunterricht für ihn am nachhaltigsten geblieben ist, dass ihm der Atemunterricht am meisten gebracht habe.
In der Buchveröffentlichung „Texte aus Erinnerungen an Cornelis Veening“ schreibt Herta Grun: „In Berlin entstand 1945 eine Schauspielschule. Sie nannte sich „Der Kreis“ und wurde vom Regisseur Fritz Kirchhoff gegründet. Veening und einige seiner Mitarbeiterinnen unterrichteten in den folgenden Jahren an dieser Schule. So Margarete Hornauer, Herta Siller und auch Irene Katsch, eine begabte Lehrerin für Sprecherziehung und Sprachgestaltung. Veening hatte in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine eigene Atemlehre entwickelt, in der sich die Wurzeln moderner tiefenpsychologischer und Körper-Psychotherapie unserer Zeit wieder finden lassen.“
Auch Ilse Middendorf war Schülerin von Cornelis Veening. In ihrer Atemschule „Der erfahrbare Atem“ schreibt sie über ihren Lehrer: „In jahrelanger Arbeit am Atem brachte er mir Unbekanntes zu Bewusstsein, klärte und differenzierte, hob Kräfte, kritisierte und bestätigte, bis meine Selbständigkeit begann und damit die Schaffenskraft für den eigenen Weg. Ich danke dem großen Lehrmeister viel, am meisten aber für die Freigabe an meine eigene Entwicklung, die Freiheit zu mir selbst.“
Seit den 60er Jahren sind die Atemlehrerinnen der Fritz-Kirchhoff-Schule Absolventinnen des „Instituts für Atemtherapie und Atemunterricht“ in Berlin. Also wiederum Schülerinnen von Ilse Middendorf, so unter anderem Eleonore Quest, Frau Scheidegger-Haag, Anna Hogh und so auch die jetzige Atemtherapeutin Frau Christa Camerer, die nach ihrer Ausbildung am Middendorf-Institut dortselbst als Ausbilderin tätig war.

Schauspielausbildung ist vor allem eine Schulung der Empfindungsfähigkeit. „Empfindungsfähigkeit öffnet sich erst dann gültig, wenn sie mit ungestörter Sammlung gelebt werden kann. Sammeln – empfinden – atmen ist die Grundlage aller Mitteilungen.“ (Ilse Middendorf)

„Die aufmerksame Zuwendung auf den Atem bringt eine Sinnesempfindung, aber nur dann, wenn man sie ‚durchlässt‘. Dem heutigen Menschen fällt das ‚Machen‘ weit leichter als das ‚Lassen‘, ein Geschehenlassen, dass man als Empfindung bewusst erlebt.“ (Horst Coblenzer)

„Atem ist ein energetischer Kern. Den Atem zu erfahren bedeutet, in neuer Weise zu leben. Das Eintauchen in den schöpferischen Bewegungsgrund des Atems bringt Ungekanntes zum Bewusstsein, öffnet uns so die Fähigkeit zu empfinden und setzt Energien in uns frei für die schöpferische Schaffenskraft, die der Schauspieler braucht, um mehr als ein Leben empfinden zu können.“ (nach Ilse Middendorf, „Der erfahrbare Atem“)

„Die Gestaltung des menschlichen Ausdrucks besteht immer aus Bewegung und/oder Stimme. Sowohl Bewegung als auch Stimme brauchen den Atem. Wenn ein Mensch seinem Innersten Ausdruck verleiht und seine Gefühle und Gedanken äußert, dann bilden seine Stimme und Gebärde ein Ganzes. Die Gestaltung seiner Äußerungen steht in starkem Zusammenhang mit seiner Persönlichkeit und den Umständen, in denen er sich in dem Augenblick befindet. Die ihnen zugrunde liegende Kraft, die sie nährt und verbindet, ist der Atem.
Der Arbeitsvorgang, den der Sprecherzieher Egon Aderhold beschreibt, entspricht in hohem Maße dem Üben im Erfahrbaren Atem.“ (Michèle Clees)

„Mit den Atmungsübungen ist vor allem das Atmungserlebnis heraufzubeschwören. Das ist sehr schwierig. Aber nur über das Körpergefühl ist der Sprecher fähig, die richtige Atmung – und das ist zugleich die natürliche Atmung – vollkommen beherrschen zu lernen. Der Weg ist grundsätzlich folgender: Nehmen wir an, der Schauspieler X atmet unter ‚unbelasteten Umständen‘ normal. Sobald er bewusst zu gestalten hat, weicht er durch die verschiedensten Ursachen von der natürlichen Atmung ab und atmet verkrampft und mit einem Mehr an Muskelarbeit. Die Sprecherziehung hat ihm nun den unbewussten, vom Schauspieler unter anderen Umständen mit Leichtigkeit beherrschten Atmungsablauf bewusst zu machen. Das heißt, auch der unbewusste Atmungsvorgang wird jetzt kortikal gesteuert und die damit zusammenhängenden Muskelkontraktionen werden aufmerksam beobachtet und erlebt. Dieses Körpererlebnis ist mit den Übungen so zu festigen, dass es in allen Lagen zum Bedürfnis wird. Der Schauspieler X weiß nach solchem Studium über die richtige Atmung genau Bescheid und kennt darüber hinaus das spezifische Körpergefühl für die richtige Atmung.“ (Egon Aderhold, Sprecherziehung des Schauspielers).

Lehrerin: Christa Camerer